Grabrede für unsere Mutter Sonja Schulze

Dies ist die Grabrede, die ich für mein Mutter Sonja Schulze (13.03.1933 bis 26.08.2017) geschrieben und bei der Beerdigung auf dem Friedhof Schondorf vorgetragen habe.


Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Trauergäste!

Wir haben uns heute hier getroffen, um unsere Mutter, Sonja Schulze, auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Bevor wir die Urne an ihren endgültigen Platz bringen, möchte ich einige Gedanken zum Leben unserer Mutter vortragen.

Eigentlich hatte ich schon eine kleine Rede angefangen, bis mir Steffen am Mittwoch ein Dokument zukommen ließ, das ich bis dato nicht kannte. Seit einigen Jahren befasse ich mich mit unserem Familienstammbaum, der väterlicherseits 600 Jahre lückenlos zurück reicht. Aber von unserer Mutter wussten wir leider nur bruchstückweise durch wenige Erzählungen etwas über ihre Familie. Auch ist sie in den vergangenen Jahren, selbst auf intensives Nachfragen, leider nie so richtig aus sich heraus gegangen, so dass wir in der Hinsicht immer noch im Dunklen tappen.

Umso überraschter war ich nun über die Geschichte, die wir auf ihrem Computer entdeckten. Dort hat sie sehr detailliert ab ihren ersten Jahren, an die sie sich erinnern konnte, ihr Leben geschildert.

Als Kriegskind hat sie, in Berlin geboren, die wohl schlimmste Zeit erlebt, die man als Kind mitmachen kann. Bombenalarme, Luftschutzbunker, Furcht, Tod und Zerstörung. Ihre Erzählung darüber ist einerseits von den Schrecken dieser Zeit geprägt, andererseits aber auch von der Unbekümmertheit eines Kindes, das die ganze Tragweite der Geschehnisse damals noch nicht wirklich verstanden hatte.

Dazu kam dann noch, dass sie dies gemeinsam mit ihrer Mutter bewältigte, weil der Vater die Familie erst als Soldat verlassen musste und sich dann dazu entschied, sich nach dem Krieg von unserer Omi scheiden zu lassen.

Im Zuge der Kinderlandverschickung wurde unsere Mutter aus Berlin evakuiert und landete nach einer unsteten Reise – unter anderem auch über Tschechien und Bayern – endlich bei der Verwandtschaft ihrer Mutter im Westerwald, wo sie mit dieser dann nach zwei Jahren der Trennung endlich wieder vereint war.

Ich möchte ein paar bemerkenswerte Passagen zu ihren Lebensstationen aus ihrer eigenen Sicht vortragen. Sie sind teils chronologisch, teils thematisch zusammengefasst. Nach den Datumsangaben hat sie diese Erzählung offenbar etwa im Jahr 2006 begonnen und bis 2012 immer weiter aktualisiert und ergänzt. Danach hat sie wohl aus gesundheitlichen Gründen das Ganze nicht mehr fortgesetzt.

Ich bin eine Berlinerin, Jahrgang 1933. D. h., ich war drei Jahre alt, als Hitler an die Macht kam, und sechs, als der Krieg ausbrach. Mein Vater wurde sogleich eingezogen, er musste 1939 sofort zu den Soldaten; ich glaube, er schaffte es bis zum Oberfeldwebel. Ansonsten kann ich mich an die ersten Kriegsjahre kaum erinnern. Ab und zu kam Vati auf Urlaub aus dem Osten, wo er stationiert war, soviel ich weiß. Post bekamen wir nur mit Feldpostnummer als Absenderangabe.

Radfahren hat er mir beigebracht: Er hat mich angeschubst in der Wartenburgstraße, wo wir gewohnt haben – und dass er losgelassen hat, habe ich erst bemerkt, als ich am Ende der Straße umkehren musste! Schnitzen konnte er sehr gut; ich habe noch ein Bild von meiner Familie, aus Holz geschnitzt und mit Metall eingefasst in Herzform, das er mir aus Russland zugeschickt hat. Außerdem hat er mir meinen ersten Schulranzen aus echtem Leder gemacht – ich glaube, von Beruf war er wohl Schuhmacher, später Kraftfahrer. Dieser Ranzen hat mich jahrelang zur Schule begleitet. Keine Ahnung, wo er verblieben ist. Er war jedenfalls sehr stabil und schöner als alle anderen!

Dann kamen die ersten Bombenangriffe auf Berlin. Es wurden Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung eingerichtet bzw. Keller ausgebaut. Ich wohnte in Berlin-Kreuzberg ganz in der Nähe vom Anhalter Bahnhof. Meine Mutter war Hauswart, d. h. u. a.: allgemein für Ordnung sorgen und zusätzlich – als 1. Luftschutzwart – z. B. das Licht abends im Treppenhaus ausschalten und Verdunkelungen an den Fenstern anbringen wegen der Fliegerangriffe. Mehr fällt mir gerade nicht ein. Nur, dass ich ein gutes Zuhause hatte mit vielen Reisen, solange noch kein Krieg war. Wir besaßen nämlich ein Motorrad mit Beiwagen.

Dann folgten die Bombenangriffe immer schneller aufeinander. Die Gegner fingen an, auf die Städte Phosphorbomben zu werfen – ich glaube mich zu erinnern, daß vor allem von Hamburg die Rede war. Eines Nachts, als wir wieder nach der Entwarnung auf die Straße gingen, war der Himmel, vom Feuer erhellt, ringsum rot, denn der nahegelegene Anhalter Bahnhof brannte lichterloh. Ein heißer Wind wehte durch die Wartenburgstraße von dem brennenden Bahnhof her.

Das vergesse ich nie! Obwohl nun bereits so um die 63 Jahre vergangen sind (also etwa 1942/43), habe ich das Bild noch heute vor Augen. Ich kann nur hoffen, daß weder meine eigenen noch meine Kindeskinder so etwas je erleben müssen!

Für unsere Mutter hing ihr Herz schon seit ihrer Kindheit an der Musik. Nicht nur, dass sie selbst musiziert hat, auch hatte sie schon sehr früh eigene Stücke komponiert und vorgetragen. Was sie dabei trotz einiger Schulwechsel, Kinderlandverschickung und anderer Kriegs- und Finanzwidrigkeiten so erlebt hat – hier ein paar Abschnitte aus ihrer Geschichte:

Übrigens habe ich mit 6 Jahren Klavierunterricht nehmen dürfen. Schräg gegenüber wohnte meine Klavierlehrerin. Wie andere Kinder auch (später sogar zu meinem Leidwesen meine eigenen), habe auch ich vom Üben nicht – um nicht zu sagen: nie – allzu viel gehalten. Immer wenn Mutti in die Wartenburgstraße rief: „Sonja, üben!“, haben es alle Spielkameraden gehört, nur ich (angeblich) nicht! Jetzt danke ich nachträglich meiner Mutter, denn die Grundausbildung in der Musik bekam ich durch diesen Klavierunterricht, der viele Jahre lang fortgesetzt wurde. Und jetzt als Trompeterin profitiere ich davon, weil ich mich u.a. in der Harmonielehre gut auskenne. Ich besitze noch etliche Programme von Schülerklavierkonzerten in Berlin, in denen ich sogar als Komponistin aufgeführt bin.

Einige Zeit später, als sie bereits im Westerwald lebte:

Nun begann mein Musikerleben, und zwar so: In Deesen, einem Nachbarort von Oberhaid, war Kirmes. Ich durfte mit Mutti, Tante Möhner, Tante Anni und Tante Elsa mit in die Wirtschaft zum Feiern.

In der Ecke stand ein Klavier, das geschlossen war. Davor saßen ein Schlagzeuger und (wie ich später erfuhr) sein Bruder mit einem Akkordeon. Als mir das mit den alten Tanten zu langweilig wurde, bin ich aufgestanden und zu den Musikern gegangen. Habe gefragt, ob ich sie auf dem Klavier begleiten dürfte – ohne zu zögern, sagten sie zu. Was sollen wir denn spielen? Ich hatte zwar nicht allzu viel Ahnung von Schlagern, meinte aber, sagt mir die Tonart und fangt an, ich komme schon rein. Gesagt, getan. Und Spaß hat es gemacht!

Später meinten die beiden, dass sie eigentlich eine Kapelle mit 5 Mann seien, aber keinen Pianisten hätten. Und schon war die Sache geritzt! Ich spielte gleich mit, Proben brauchten wir kaum welche, wäre auch ziemlich schwierig gewesen, denn ihr Heimatort war so etwa 8 km von Nauort, meinem Wohnort, entfernt. Und in der Harmonielehre, da kannte ich mich ja nun aus. D.h.: Wenn ein Spieltermin anstand, musste ich mit dem Radl, das meine Mutter mir endlich hat kaufen können, besagte Kilometer z.T. nachts im Dustern durch einen Wald bergrunter bis ins Sayntal, auf der anderen Seite wieder hoch.

Noten brauchte ich zum Glück keine, ich spielte alles aus dem Hut. Dann kam der Akkordeonspieler auf den Gedanken: Wir tauschen die Instrumente, dadurch lerne er Klavier und ich Akkordeon spielen. Das klappte prima! Wenn ich dann allerdings wieder heim wollte, musste ich nochmals mutterseelenallein mitten in der Nacht durch den Wald radeln. Denn welcher der jungen Musiker besaß damals schon ein Auto? Wenn man etwas Glück hatte, stand vielleicht ein Motorrad zur Verfügung.

Ganz nebenbei hatte das Ganze einen bitterbösen Hintergrund: Irgendwie hatten einige meiner Lehrerinnen von meinen musikalischen Ambitionen erfahren (ich spielte in vielen Tanzkapellen mit), was sich doch für eine „Höhere Schülerin“ nicht schickte! Dies wirkte sich selbstverständlich auf meine Noten aus, vor allem meine Mathe- und die Französischlehrerin wussten Bescheid und ließen es mich merken.

Trotz all dieser Widrigkeiten schaffte es unsere Mutter, eine erste Arbeitsstelle beim Fernmeldezeugamt in Koblenz-Pfaffendorf und danach im „Bundesministerium für das Post- und Fernmeldewesen“ in Bonn zu erhalten. Dort hat sie dann auch ihren Mann, unseren Vater, kennen gelernt, der dort in seinen Semesterferien in Bonn beim ASTA (Studentenausschuss) arbeitete. Im Jahr 1958 heirateten sie und ich kam in Neuburg zur Welt. Dort waren Sie zwischenzeitlich bei den Eltern meines Vaters untergekommen.

Nach meiner Geburt sind wir nach Augsburg gezogen, wo sie unter anderem eine Zeit lang im Extrachor des Stadttheaters Augsburg gesungen hat. Das war auch nötig, da das Anfangsgehalt meines Vaters damals nicht so üppig war und nach vier Jahren mit meinem Bruder Jürgen auch noch ein weiteres Familienmitglied versorgt werden musste.

Da es mir als Kind leider gesundheitlich sehr schlecht ging, entschlossen sich meine Eltern dann nach Schondorf zu ziehen, wo eine Stelle als Verwalter der Grundstücke der Stadt Augsburg frei geworden war. Diese Stelle nahm unsere Mutter an, die sie dann über 25 Jahre innehatte.

Im Jahr 1968 kam dann unser Nesthäkchen Steffen dazu, der beinahe auf dem Weg nach Augsburg ins Wöchnerinnenheim im Auto zur Welt kommen wollte.

Auch wenn wir Kinder im ganzen Jahr über mit helfen „durften“ beim Rasenmähen, Laub kehren, Mülltonnen leeren oder Ruderboote putzen, können wir uns über diese Entscheidung im Nachhinein nicht beklagen. Es war, alles in allem, doch eine schöne Kindheit hier.

Die gesamte Familie Schulze war in diesen Jahren vor allem den Sportarten Segeln, Surfen und Volleyball zugetan – aus Zeitgründen jeder woanders. Vor allem im Volleyball spielte unsere Mutter nicht nur in der Damenmannschaft des TSV Utting aktiv mit, sie machte auch noch ihre Schiedsrichterprüfung, war lange Zeit Volleyball-Pressewart für div. Zeitungsverlage (Landkreise Dachau, Fürstenfeldbruck, Landsberg) und Volleyball-Staffelleiterin. Da die Verwaltungstätigkeit für die Stadt Augsburg in den Sommermonaten Mai bis September anlagen, wurden die meisten gemeinsamen Freizeitaktivitäten der Familie wie Skifahren oder Bergwandern auf den Rest des Jahres verlagert.

Nach ihrer Scheidung von unserem Vater im Jahr 1995 hat sie noch einige Zeit die Verwaltung der Grundstücke fortgesetzt und ist, nachdem sie die Stelle gekündigt hatte, nach Landsberg gezogen. Sie hat auch eine Weile bei mir als Texterfasserin und Lektorin gearbeitet, bevor sie sich dann endgültig für ein Rentnerinnendasein entschied.

Von diesem Zeitpunkt an hat sie sich immer mehr und intensiver mit Musik beschäftigt. Viele Anekdoten rund um die Musik begleiten ihre Lebensgeschichte bis zuletzt. Sie war Mitglied in mehreren Blasmusikkapellen hier im Landkreis und auf einigen Touren nach England, Russland oder in die USA. Dabei hat sie auch viele Arrangements selbst verfasst, Partituren transponiert und Noten geschrieben ohne Ende!

Ein Schlaganfall im Jahre 2003 setzte leider einen Wendepunkt in ihrer Gesundheit. Von da an hatte sie nicht nur mit den Folgen des Schlaganfalls zu kämpfen. Auch andere gesundheitliche Probleme machten ihr das Leben und das Musizieren immer schwerer. Jedoch war ihr Lebensmotto: „Es wird nicht aufgegeben“. Und daher haben wir vieles gar nicht so wahrgenommen, wie sie in ihrer Geschichte zu diesen Jahren aufgeschrieben hat.

Nach und nach wurde jedoch klar, dass es leider nicht nur um ihre physische Gesundheit schlecht bestellt war. Auch mental gab es immer mehr den Anschein einer beginnenden Demenz. Die wurde jedoch von den Ärzten so nicht bescheinigt, vielmehr schien es auf ein organisches Problem hinaus zu laufen. Sie wurde immer vergesslicher und schließlich konnten wir es nicht länger verantworten, dass sie alleine in ihrer Wohnung in Kaufering lebte.

Steffen hatte in seinem Haus dazu extra ein Zimmer eingerichtet, damit sie dort in der Familie betreut werden könne. Leider wurde ihr Zustand dann rapide dermaßen schlecht, dass wir sie, nach einigen Krankenhausaufenthalten nach Landsberg in das Seniorenheim Tannenhain verbringen mussten, da sie dort rund um die Uhr fachlich versorgt werden konnte.

Allerdings verschlechterte sich auch hier ihr Zustand so sehr, sodass wir sie nach weiteren Krankenhausaufenthalten noch einmal verlegen mussten. In Marthashofen, Grafrath, fanden wir eine hervorragende Unterbringung, in der sie sich sogar gleich wohl fühlte. Und es sah auch erst so aus, als ob sie sich wieder aufrappeln würde, als sie sich, aus ungeklärter Ursache, die linke Hüfte brach. Von diesem Vorfall an fast durchgängig bettlägerig hat sie sich dann nicht mehr erholt.

„Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, 
und eine Last fallen lassen dürfen, 
die man sehr lange getragen hat, 
das ist eine tröstliche, eine wunderbare Sache.“

Wir haben uns für diesen Vers von Hermann Hesse entschieden, da er vor allem ihre letzten Wochen und Tage am besten wiedergibt. Unsere Mutter wollte am Ende nur noch schlafen und war sowohl körperlich und geistig einfach am Ende. Jeder Lebenswille hatte sie verlassen und so ist sie in der Nacht von Freitag auf Samstag um zwei Uhr im Beisein von Jürgen endgültig entschlummert.


Vielen Dank für Ihre Geduld, Ihre Anteilnahme und Ihre Zuwendungen. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen bedanken, die uns in der ganzen Zeit zur Seite gestanden haben. Für unsere Familien war das mitunter eine enorme Belastung. Auch gilt unser Dank in Abwesenheit den Helfern von Tannenhain und Marthashofen. Vor allem Letztere haben ihr Menschenmögliches getan, um den Aufenthalt und zuletzt das Sterben unserer Mutter so stressfrei und persönlich wie möglich zu gestalten.

Wir werden nun in Ruhe die Urne ins Grab verbringen. Wer noch einen kurzen Gedanken am Grab vortragen möchte, kann dies gerne tun.

Direkt im Anschluss an die Bestattung treffen wir uns im Gasthof Saxenhammer in Hechenwang.

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(Anm.: Den Grabstein haben wir selbst entworfen und hergestellt.)

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