Reinhold Schulze – Ölbilder

Die Ölbilder meines Vaters nehmen unter seinen Werken eine besondere Stellung ein. Während er sich beim Aquarell und beim Bleistift eher zurückhielt und die Zurückhaltung des Materials zu seinem Vorteil nutzte, konnte er sich beim Öl austoben. Die Farbe ließ sich schichten, verschieben, mit dem Pinsel oder Spachtel regelrecht auf die Leinwand werfen – und genau das hat er auch getan.

Wer seine Ölbilder nebeneinander betrachtet, erkennt schnell: Hier war ein Maler am Werk, der zwischen zwei Polen pendelte. Auf der einen Seite eine fast kleckserische, impulsive Machart, bei der einzelne Farbflecken erst aus der Distanz zu Ästen, Blättern oder Wellen werden. Auf der anderen Seite eine diffizile, nahezu naturalistische Präzision, die jedes Dach, jeden Felsvorsprung sauber durcharbeitet.

Zwischen Farbklecks und Landschaft

Ein schönes Beispiel für die erste Spielart ist eine Birkengruppe im Herbstlicht. Die Blätter sind nicht gemalt, sondern eher aufgetupft – Gelb, Ocker, ein wenig Rot, dazwischen Lücken, durch die der Himmel blitzt. Aus der Nähe betrachtet wirkt die Baumkrone fast wie ein abstraktes Farbfeld. Erst wenn ich einen Schritt zurücktrete, setzt sich das Bild im Kopf zusammen, und ich sehe tatsächlich Birken im Oktoberlicht vor mir, mit dem charakteristischen Wechsel aus dunkler Rinde und hellen Stämmen. Genau diese Verschiebung – vom Farbklecks zur Landschaft, die sich erst im Auge des Betrachters formt – ist für mich der Kern dessen, was man impressionistisch nennt. Mein Vater hat das nicht theoretisch gelernt, er hat es sich beim Malen vor Ort erarbeitet.

Schwere und Kontrast am Wasser

Ganz anders wirkt ein Motiv mit einer Hütte am Wasser, eingebettet zwischen steil aufragenden Felswänden. Hier ist der Pinselstrich zwar weiterhin sichtbar und kräftig, aber die Komposition ist ruhiger, fast schwermütig. Das Licht bricht sich an den Felsen in warmen Rot- und Brauntönen, während das Wasser und der Schatten der Hütte in dunklem Grün und Schwarz gehalten sind. Es ist ein Bild, das von Kontrasten lebt – nicht nur farblich, sondern auch in der Stimmung: die enge, fast bedrängende Felskulisse gegen die offene Wasserfläche im Vordergrund. Solche Bilder zeigen, dass mein Vater die Ölfarbe auch nutzte, um Atmosphäre und Schwere einzufangen, nicht nur Licht und Leichtigkeit.

Der schnelle, entschlossene Strich

Eine dritte Facette offenbart sich in einem kleinen Selbstporträt mit Hut und Brille, das mit sehr freiem, breitem Strich hingesetzt ist. Hier ging es ihm sichtlich nicht um Detailtreue, sondern um Ausdruck und Charakter. Ein paar entschlossene Pinselzüge genügten ihm, um ein Gesicht, eine Haltung, fast schon eine Laune festzuhalten. Diese Bilder – meist kleinformatig, oft spontan entstanden – zeigen den Maler von seiner unmittelbarsten Seite.

Geduld auf der anderen Seite der Skala

Ganz am anderen Ende der Skala steht ein Dorfblick von einem erhöhten Standpunkt aus: Häuser mit roten Dächern, eine kleine Kirche im Zentrum, Wiesen und Felder, die sich in sanften Grüntönen die Hügel hinaufziehen. Hier hat mein Vater sich Zeit genommen. Jedes Gebäude ist einzeln erkennbar, die Perspektive stimmt, das Licht fällt konsistent aus einer Richtung. Diese Bilder verlangten offensichtlich mehr Geduld – und sie zeigen, dass die scheinbar spontane, kleckserische Machart der anderen Werke kein Unvermögen war, sondern eine bewusste Entscheidung für das jeweilige Motiv.

Eine bewusste Bandbreite

Genau diese Spannweite macht die Ölbilder für mich so interessant: impressionistisch im Ansatz, mit einem realistischen Fundament, das er je nach Motiv und Tagesform mehr oder weniger sichtbar werden ließ. Auch bei den Ölbildern gilt: Alle Werke sind live vor Ort entstanden, mit der jeweiligen Wetter- und Lichtstimmung des Moments im Gepäck.

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