Kreuz und Quer II

(Diesen Text habe ich in den Unterlagen meines Vaters gefunden, der leider im Oktober 2020 gestorben ist.)

Auf Befehl der „Sowjetischen Militäradministration“ normalisierte sich die Lage. Ich musste wieder an meine frühere Lehrstelle gehen. Nicht aber zum Lernen, sondern zum Demontieren. Hier bot sich, wenn man auf Draht war, eine neue Möglichkeit auf zum Tauschen: z. B.: 5 Kartoffeln gegen 20 m isoliertes Kabel!

Hartmannsdorf unter Beschuss

An vielen Stellen im Dorf brannte es. Beim Nachbarbauern brannten die Stallungen ab und die Kühe und Pferde rannten über die Wiesen den Panzern entgegen. Meine Lehrwerkstatt bekam einen Volltreffer ins Heizhaus. Wir Lehrlinge sollten die Werkstätte verteidigen – allerdings ohne Waffen! Unser Lehrmeister hatte uns aber eigenmächtig nach Hause geschickt. An der Chemnitzer Straße (heute B 95) stand das große Hotel „Kronprinz“. Von dort aus wurde auf den Nachschub der Amis geschossen. Daraufhin wurde das Hotel „ausgeräuchert“. Von den „Verteidigern“ wurde nach dem Brand nichts mehr gefunden – sagte man! Das Hotel brannte 3 Tage – löschen durfte man nicht! Jetzt ist dort immer noch ein freier Platz.

Bomberpulks Richtung Chemnitz

Der schlimmste Angriff auf meine Geburtsstadt war an einem Nebeltag im Herbst 1944. Ich war mit meinem Opa im Wald auf der Kuppe – höchste Erhebung zwischen Hartmannsdorf und Limbach. Ausgerüstet mit einem Leiterwägelchen suchten wir Brennmaterial. Da passierte es – Bomberpulks flogen über uns hinweg. Es fing an zu rauschen, pfeifen und dann war die Hölle los – und wir mittendrin!

Es war ein Fehlabwurf, der die Zerstörungen am „Hohen Hain“ und im Wald ringsherum verursachte. Es sollte eigentlich Chemnitz treffen. Es traf hauptsächlich die westlichen Vororte Siegmar-Schönau und Rabenstein schlimm. Die Innenstadt hatte nichts abbekommen. Wir waren, am Boden liegend mit Dreck, Staub und Zweigen zugeschüttet. Es stank außerdem fürchterlich nach Verbranntem oder Schwefel. Das Ganze ging dem Ende zu! Hartmannsdorf kam unter die Räder der Panzer-Artillerie!

Zerstörung von Dresden

Wie bekannt, ist in der Nacht des 13. Februar 1945 die Stadt Dresden fast total zerstört worden. Obwohl Dresden ca. 80 km entfernt ist, war es ein stundenlanges „Erdbeben“ und die Nacht war fast taghell, aber rosa wie bei einem Sonnenaufgang.

Wenn der Himmel blau war, sahen wir die Bomberverbände fliegen und konnten deshalb sehen, ob sie direkt über uns oder seitwärts flogen. Bei „seitwärts“ bestand keine Gefahr. Bei schönem Wetter sahen wir auch, wie die „Wunderjäger“ ME 163 und ME 262 Bomber aus einem Pulk herausschossen. Damals waren wir noch begeistert und glaubten an den Endsieg! Ein Rentner mit Anhang hat einen abgesprungenen Piloten mit einer Luftpumpe verprügelt und musste dafür im Hartmannsdorfer Rathaus in eine Haftzelle. Das ist Tatsache.

Granatsplitter als Tauschobjekte

Vereinzelt kam es noch zu Schäden auf Dächern durch einschlagende Granatsplitter. Die Granatsplitter, ebenso die Bombensplitter wurden für die Knaben zu Tauschobjekten. Unsere Knabenklasse musste im Januar 1945 zur Musterung in die Kreisstadt Rochlitz. Wir waren alle KV – Kriegsverwendungsfähig!

Familie Härtling ist vorher weggezogen (event. 1942?) Meine Mutter war dann arbeitslos. Die „Amis“ sind am 13. Juni 1945 in Hartmannsdorf einmarschiert – es war mein 14. Geburtstag! Zwei Tage später ist das Hotel Kronprinz von den „Amis“ abgefackelt worden. Drinnen befanden sich noch „Helden“!

Zu Härtlings fällt mir folgendes noch ein: Sohn Peter hatte es nicht weit zum Kino gegenüber. In diesem Kino habe ich mir einen Zahn (rechts oben) ausgeschlagen. Ich habe mich gebogen vor Lachen und bin so auf die Lehne des Vordersitzes geprallt.

Meine Mutter half bei der Pflege von Peters Schwester, da Frau Härtling noch sehr schwach war. Trotzdem bekam sie von Frau Härtling ab und zu einige Kekse!

Zugehörige Beiträge

Gefangenenlager in Hartmannsdorf
In Hartmannsdorf waren in einem Fabrikgebäude (die ehemalige Färberei Reh) französische Soldaten untergebracht. Diese erhielten relativ gutes Essen, das z.T. vom „Roten Kreuz“ geliefert wurde. Viele der Gefangenen wurden den Bauern als „Knechte“ zugewiesen. Es fehlten die deutschen Bauern und Knechte, welche immer noch an vielen Fronten als Soldaten kämpften.
Reinhold Schulze
Dieses Bild war das erste, das ich (Anm.: mein Vater Reinhold Schulze) gemalt habe (ungefähr 1947, also mit etwa 16 Jahren). Es ist der Bauernhof Halm, damals noch Hindenburgstraße 48 in Hartmannsdorf – kurz nach Ende des 2. Weltkriegs.
Wappen Hartmannsdorf
Hartmannsdorf ist eine Industriegemeinde im Landkreis Mittelsachsen südwestlich von Chemnitz im Freistaat Sachsen (nicht zu verwechseln mit dem Hartmannsdorf im Erzgebirge!). Die Gemeinde bedeckt etwa etwa 21 Quadratkilometern zwischen Limbach-Oberfrohna, Mühlau (Sachsen) und Burgstädt und grenzt unmittelbar an die nordwestlichen Gebiete der Stadt Chemnitz.
Reinhold Schulze
Es geht heute um Erinnerungen an meinen Cousin Gerhard Donner, mit dem ich zeitweilig unter einem Dach wohnte. Es war das Dach meiner Großeltern Luise und Max Donner – das so genannte „Donnerhäußl“.
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