Kinderlandverschickung

Den Anstoss zu diesem Beitrag gab mir die Erzählung unserer Mutter, die dieses Trauma erleben musste: Grabrede für unsere Mutter Sonja Schulze.


Während des Zweiten Weltkriegs wurden unzählige Kinder aus den bombardierten Städten des Deutschen Reichs in sicherere Gebiete evakuiert. Diese Maßnahme, bekannt als „Kinderlandverschickung“ (KLV), begann im Jahr 1940 und dauerte bis zum Ende des Krieges 1945. Die Kinderlandverschickung war ein Versuch der nationalsozialistischen Regierung, die Kinder vor den Gefahren des Luftkrieges zu schützen und gleichzeitig die nationalsozialistische Ideologie zu festigen.

Evakuierungsmaßnahmen von Kindern aus den bombardierten Städten

Bereits in den Anfangsjahren des Konflikts erkannte die Führung der Nationalsozialisten die drohende Gefahr für die Zivilbevölkerung durch die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte. So wurde die KLV zu einer der größten Evakuierungsmaßnahmen des Krieges. Die Kinder, im Alter von sechs bis 14 Jahren, wurden aus ihren vertrauten Umgebungen gerissen und in oft fremde und weit entfernte Regionen geschickt. Die bevorzugten Ziele dieser Evakuierungen waren ländliche Gebiete wie Bayern, Österreich, die Sudetenländer sowie Teile Polens, die aufgrund ihrer Abgelegenheit als sicherer galten.

Der Abschied von den Eltern fiel schwer. Viele der Kinder hatten bisher keine Trennung von ihren Familien erlebt. Die Abschiedszenen an den Bahnhöfen waren herzzerreißend: weinende Mütter, die ihre Kinder zum letzten Mal in die Arme schlossen, Väter, die mit gebrochener Stimme Aufmunterungsworte fanden, obwohl ihnen selbst der Mut fehlte. Die Züge fuhren ab, voll mit verängstigten Jungen und Mädchen, die nicht wussten, was sie in der Fremde erwarten würde.

Nationalsozialistische Betreuung in Auffanglagern

In den Auffanglagern angekommen, erfuhren die Kinder, dass sie sich in strengen, durch militärische Disziplin geprägten Strukturen zurechtfinden mussten. Die Betreuung oblag oft Jugendführern und Lehrern, die die Erziehung in nationalsozialistischem Geiste fortführen sollten. Die pädagogische Ausrichtung der KLV-Lager zielte nicht nur darauf ab, die schulische Bildung der Evakuierten fortzusetzen, sondern auch auf die Stärkung ihres „völkischen“ Bewusstseins. So wurden die Tage durch militärische Übungen, Gruppenaktivitäten und ideologisch geprägten Unterricht strukturiert.

Doch trotz der strengen Reglementierung gab es auch Momente der Unbeschwertheit. In den sicheren, ländlichen Regionen erlebten viele Kinder eine unerwartete Freiheit. Sie streiften durch die Wälder, entdeckten die Natur und knüpften neue Freundschaften. Diese Erfahrungen standen oft im Kontrast zu der bedrückenden Atmosphäre der zerstörten Heimatstädte und dem strikten Lageralltag.

Nichtsdestotrotz lastete die Sehnsucht nach der Familie schwer auf den Kinderherzen. Briefe waren die einzige Verbindung zur Heimat. Voller Inbrunst schrieben sie über ihre Erlebnisse, ihre neuen Freunde und die kleinen Freuden des Alltags. Doch zwischen den Zeilen schimmerte immer die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen durch.

Ende der Kinderlandverschickung bei Kriegsende

Mit dem Kriegsende 1945 endete auch die Kinderlandverschickung. Die Rückkehr in die Heimat war für viele Kinder ein weiterer Schock. Ihre einst vertrauten Umgebungen waren oft in Trümmern gelegt, und die Wiedervereinigung mit den Eltern verlief nicht immer reibungslos. Viele Familien hatten während der Jahre der Trennung schwere Verluste erlitten, und es dauerte lange, bis das Familienleben wieder in geregelte Bahnen kam.

Die Kinderlandverschickung hinterließ tiefe Spuren in den Biografien der Betroffenen. Die Erlebnisse jener Jahre begleiteten sie ihr Leben lang, prägten ihre Sicht auf die Welt und ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Trotz der Widrigkeiten bewahrten viele die Erinnerungen an die Freundschaften und die kurzen Momente der Unbeschwertheit, die sie während dieser dunklen Zeit erleben durften.

Die Geschichte der Kinderlandverschickung ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie der Krieg in das Leben der Unschuldigsten eingriff. Auch wenn die Maßnahmen als notwendig erachtet wurden, waren sie doch ein weiteres trauriges Kapitel in der erschütternden Chronik eines Krieges, der unermessliches Leid über Millionen von Menschen brachte.

Quellen

  • Deutsches Historisches MuseumKinderlandverschickung im Deutschen Historischen Museum – Diese Seite bietet eine umfassende Übersicht über die Kinderlandverschickung, ihre Hintergründe und Auswirkungen.
  • Bundeszentrale für politische BildungKinderlandverschickung – bpb – Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet detaillierte Informationen über die verschiedenen Phasen und die Organisation der Kinderlandverschickung.
  • Institut für ZeitgeschichteInstitut für Zeitgeschichte über KLV – Diese Forschungsinstitution hat zahlreiche Dokumente und Artikel zur Kinderlandverschickung und ihren historischen Kontext veröffentlicht. Eine Suche auf ihrer Website kann wertvolle Informationen liefern.
  • Shoah Resource Center, Yad VashemKinderlandverschickung – Yad Vashem – Auch wenn Yad Vashem sich primär mit dem Holocaust beschäftigt, finden sich hier gelegentlich Informationen zur Kinderlandverschickung, besonders in Bezug auf die Auswirkungen auf jüdische Kinder.
  • Stadtarchiv MünchenKinderlandverschickung in München – Das Stadtarchiv München hat spezielle Sammlungen und Dokumente über die Kinderlandverschickung aus Bayern und München.

Bitte beachte, dass einige der genannten Institutionen möglicherweise kontinuierlich neue Informationen oder digitale Archive hinzufügen. Daher kann es hilfreich sein, ihre Websites regelmäßig zu besuchen oder Kontakt zu deren Archivabteilungen aufzunehmen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

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